Martinas Imkereiwissen
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Folge 2 · 10 Imker, 10 Meinungen

Der Bien: Warum ein Volk EIN Lebewesen ist

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DER BIEN

Ein Haufen Tiere — oder ein Wesen?

Willkommen zurück. Martina steht wieder an ihrem Volk und beobachtet das Gewimmel. Tausende Bienen, jede für sich unterwegs, und doch wirkt das Ganze seltsam geordnet, fast wie ein einziger großer Organismus, der atmet. Und genau da steckt eine Frage, über die Imker und Wissenschaftler seit über hundert Jahren diskutieren: Ist ein Bienenvolk eigentlich ein Haufen aus Zehntausenden einzelnen Tieren? Oder ist es viel eher ein einziges, großes Lebewesen? Die alten Imker hatten dafür sogar ein eigenes Wort. Sie sprachen nicht von den Bienen, sondern von dem Bien — im Singular, als wäre das Volk ein einzelnes Geschöpf. In dieser Folge schauen wir uns an, warum dieser Gedanke so verblüffend ist, was tatsächlich dahintersteckt, und wo sich die Imker dann doch wieder uneinig werden. Denn wie sehr das Volk wirklich ein Wesen ist, das sieht nicht jeder gleich.

DER SUPERORGANISMUS

Eine einzelne Biene überlebt keine Nacht allein.

  • Allein kann eine Biene sich nicht warmhalten.
  • Sie kann keine neue Königin, keine neue Biene erschaffen.
  • Erst das ganze Volk ist überlebens- und fortpflanzungsfähig.
  • → Der Bien ist der eigentliche Organismus, die Biene nur seine Zelle.

Fangen wir mit einer verblüffenden Tatsache an. Nimm eine einzelne Honigbiene aus ihrem Volk heraus, setz sie allein in eine Schachtel — und sie stirbt. Keine Nacht übersteht sie so. Eine einzelne Biene kann sich nämlich nicht selbst warmhalten; erst viele Bienen zusammen erzeugen genug Wärme, um zu überleben. Sie kann sich auch nicht fortpflanzen: Eine Arbeiterin legt keine Eier, und selbst die Königin allein kann kein Volk gründen. Nur das ganze Volk zusammen ist wirklich lebensfähig und kann sich vermehren. Deshalb sagen viele Biologen: Der eigentliche Organismus ist gar nicht die einzelne Biene, sondern das ganze Volk — der Bien. Die einzelne Biene ist dann eher so etwas wie eine Zelle in einem großen Körper. So, wie eine einzelne Hautzelle allein auch nicht lange leben würde, aber im Körper eine wichtige Aufgabe erfüllt. Dieser Gedanke, das Volk als Superorganismus zu sehen, verändert alles, wie man auf die Bienen schaut.

ARBEITSTEILUNG OHNE CHEF

Jede Biene wechselt ihren Beruf — nach Alter.

  • Tag 1–3: Putzbiene, reinigt die Zellen.
  • Tag 3–12: Ammenbiene, füttert die Brut.
  • Tag 12–20: Baubiene & Wächterin.
  • Ab Tag 20: Sammlerin — fliegt nach Nektar & Pollen.

Aber wenn es keinen Chef gibt, keine Königin, die Befehle verteilt — wer sagt den Bienen dann, was sie tun sollen? Die Antwort ist genial einfach: Jede Arbeiterin durchläuft im Laufe ihres Lebens verschiedene Berufe, ganz automatisch, gesteuert von ihrem Alter und den Bedürfnissen des Volkes. In den ersten Tagen ist sie Putzbiene und reinigt die leeren Zellen. Dann wird sie zur Ammenbiene und füttert Tag und Nacht die Larven. Danach baut sie Waben und bewacht als Wächterin das Flugloch gegen Räuber und Wespen. Und erst am Ende ihres Lebens, ab etwa dem zwanzigsten Tag, wird sie zur Sammlerin und fliegt hinaus, um Nektar, Pollen und Wasser zu holen. Niemand teilt das ein. Das Volk regelt sich selbst — über Duftstoffe, über Berührung, über den Hunger der Larven. Wenn plötzlich viele Sammlerinnen fehlen, werden eben jüngere Bienen früher zu Sammlerinnen. Diese Selbstorganisation ohne zentrale Steuerung ist genau das, was Doktor Kessler so fasziniert.

DIE WABEN
Sechsecke aus Wachs — die materialsparendste Bauform, die es gibt.

Schauen wir uns an, worin dieses ganze Leben stattfindet: in den Waben. Die Bienen bauen sie selbst, aus reinem Wachs, das sie in kleinen Plättchen aus Drüsen an ihrem Hinterleib ausschwitzen. Und die Form ist kein Zufall, sondern ein kleines Wunder der Baukunst: lauter perfekte Sechsecke, dicht an dicht. Warum ausgerechnet Sechsecke? Weil das die materialsparendste Form überhaupt ist. Mit möglichst wenig Wachs entsteht möglichst viel stabiler Stauraum, ohne dass auch nur eine Lücke bleibt. Sogar Mathematiker haben bewiesen, dass die Bienen damit die effizienteste aller möglichen Bauweisen gefunden haben. In diesen Sechseck-Zellen läuft alles ab: Hier legt die Königin ihre Eier, hier wachsen die Larven heran, und hier lagern die Bienen Pollen und Honig ein. Eine einzige Wabe ist also gleichzeitig Kinderzimmer und Vorratskammer. Und das Beste: Die Bienen bauen diese Meisterwerke im Dunkeln, ohne Bauplan, ohne Architekt — jede Biene fügt einfach ihr Stück an, und am Ende passt alles perfekt zusammen. Wieder der Bien, der als Ganzes klüger ist als jede Einzelne.

DER SCHWÄNZELTANZ

Bienen tanzen sich die Adressen zu.

  • Eine Sammlerin findet eine gute Blütenquelle.
  • Zurück im Stock tanzt sie eine Acht auf der Wabe.
  • Die Richtung des Tanzes zeigt den Weg zur Sonne.
  • Die Dauer verrät die Entfernung. Genial — und Nobelpreis-gekrönt.

Es gibt noch ein Phänomen, das zeigt, wie erstaunlich gut sich der Bien abstimmt: den Schwänzeltanz. Stell dir vor, eine Sammlerin hat weit draußen ein tolles Feld voller Blüten entdeckt. Wie sagt sie den anderen, wo das ist? Sie kann ja nicht reden. Also tanzt sie. Zurück auf der Wabe läuft sie eine Art liegende Acht und wackelt dabei mit dem Hinterleib. Und dieser Tanz ist eine echte Wegbeschreibung. Die Richtung, in die sie beim Wackeln läuft, zeigt den Winkel zur Sonne an, in dem die Blüten liegen. Und wie lange sie wackelt, das verrät die Entfernung — je länger, desto weiter weg. Die anderen Sammlerinnen tasten den Tanz ab und fliegen dann zielgenau los. Der Forscher Karl von Frisch hat das entschlüsselt und dafür sogar den Nobelpreis bekommen. Ist das nicht unglaublich? Ein Tier, das einem anderen per Tanz eine genaue Landkarte übermittelt. Ohne Sprache, ohne Zeigen — nur mit Bewegung. Der Bien kommuniziert, plant und organisiert sich auf eine Art, die uns bis heute zum Staunen bringt.

35 GRAD, PUNKTGENAU
Das Brutnest wird auf 35 °C gehalten — unter 30 °C stirbt die Brut.

Es gibt noch einen Beweis dafür, dass das Volk wie ein einziger Körper funktioniert: seine Körpertemperatur. Ja, ganz richtig — ein Bienenvolk hält eine Körpertemperatur, ganz ähnlich wie wir Menschen. Im Brutnest, dort wo die Larven heranwachsen, halten die Bienen konstant etwa fünfunddreißig Grad Celsius. Und zwar auf ein halbes Grad genau, egal ob draußen Frost herrscht oder Hochsommer. Wird es zu kalt, rücken die Bienen eng zusammen und zittern mit ihren Flugmuskeln, um Wärme zu erzeugen. Wird es zu heiß, holen sie Wasser, verteilen es auf den Waben und fächeln mit den Flügeln, bis die Verdunstung das Nest herunterkühlt — eine lebende Klimaanlage. Warum das so wichtig ist? Weil Bienenbrut sehr empfindlich ist. Kühlt sie länger unter dreißig Grad ab, stirbt sie. Ein einzelnes Tier könnte diese Temperatur niemals halten — nur das Volk als Ganzes schafft das. Der Bien reguliert seine Wärme wie ein warmblütiges Lebewesen.

DIE EINE SICHTWEISE

„Man imkert nicht die Biene — man imkert den Bien.

YukiNaturimkerin
„Für mich ist das Volk ein Lebewesen mit eigenem Willen. Ich greife so wenig wie möglich ein.“

Für Yuki ist dieser Gedanke die Grundlage von allem. Wenn das Volk ein einziges Lebewesen ist, dann muss man es auch so behandeln — mit Respekt vor seinem eigenen Wesen, vor seinen eigenen Bedürfnissen. Sie sagt: Man imkert nicht die einzelne Biene, man imkert den Bien. Für sie heißt das: so wenig eingreifen wie möglich, dem Volk seinen natürlichen Rhythmus lassen, es bauen lassen, wie es will, und es sich vermehren lassen, wie es die Natur vorsieht. Diese Haltung nennt man wesensgemäße Bienenhaltung, und für Yuki ist sie eine Herzensangelegenheit. Sie stört sich daran, wenn ein Volk nur als Honigfabrik gesehen wird. Ein Organismus, sagt sie, ist kein Automat, den man auf maximalen Ertrag trimmt. Ob man ihr in allem folgen mag oder nicht — der Gedanke dahinter ist schön und lässt einen tatsächlich anders auf die Kiste im Garten schauen.

DER GEGENPOL

„Schön und gut — für mich zählt trotzdem der Ertrag.

BertErwerbsimker
„Der Bien in Ehren. Aber ich führe meine Völker aktiv — sonst schwärmen sie mir weg und bringen keinen Honig.“

Und hier meldet sich Bert zu Wort, ganz pragmatisch. Er sagt: Der Bien in allen Ehren, das ist ein schöner Gedanke, und im Kern stimmt er ja auch. Aber in der Praxis führt er seine Völker aktiv. Er greift ein, er erweitert im richtigen Moment, er verhindert das Schwärmen, er erntet den Honig. Denn ein Volk, das man völlig sich selbst überlässt, sagt Bert, das schwärmt dir im Mai davon, die Hälfte deiner Bienen ist weg, und Honig bringt es dann auch keinen. Für ihn ist das Volk zwar ein faszinierender Organismus, aber eben auch ein Nutztier, um das man sich kümmern muss — so, wie ein Bauer sich um seine Herde kümmert. Und weißt du was? Beide haben recht. Yuki und Bert schauen nur von zwei Seiten auf dasselbe Wunder. Genau das wirst du auf diesem Kanal immer wieder erleben: dieselbe Wahrheit, zwei ehrliche Blickwinkel.

SCHWARMINTELLIGENZ

Das Volk entscheidet gemeinsam — und liegt fast nie falsch.

  • Beim Schwärmen suchen Kundschafter-Bienen neue Wohnungen.
  • Sie 'tanzen' für ihren Fund — je besser, desto ausdauernder.
  • Nach und nach setzt sich die beste Höhle durch.
  • Eine Demokratie ohne Anführerin — erforscht von Thomas Seeley.

Es gibt ein Phänomen, das den Superorganismus besonders eindrucksvoll zeigt: wie ein Volk gemeinsam Entscheidungen trifft. Der amerikanische Bienenforscher Thomas Seeley hat das jahrelang untersucht. Stell dir vor, ein Schwarm hängt als Traube an einem Ast und muss eine neue Wohnung finden. Wie entscheidet er sich? Einige erfahrene Kundschafterinnen fliegen los und suchen Höhlen und Hohlräume in der Umgebung ab. Findet eine eine gute Behausung, kommt sie zurück und tanzt dafür auf der Traube — je besser die Wohnung, desto länger und heftiger ihr Tanz. Andere Bienen fliegen daraufhin hin und prüfen selbst. Überzeugt sie die Höhle, tanzen sie ebenfalls dafür. So sammelt sich nach und nach immer mehr Zustimmung für die beste Wohnung, während die schwächeren Kandidaten verstummen. Am Ende steht eine Entscheidung, hinter der praktisch das ganze Volk steht — und meistens ist es die objektiv beste Wahl. Eine Demokratie ganz ohne Anführerin. Seeley nennt es Bienendemokratie, und es ist eines der schönsten Beispiele für die Klugheit des Bien.

WENN DER BIEN SICH TEILT
Der Schwarm ist die Fortpflanzung des Superorganismus — er teilt sich wie eine Zelle.

Und wenn das Volk ein einziges Lebewesen ist — wie pflanzt sich so ein Lebewesen dann fort? Die Antwort ist das Schwärmen. Im Frühsommer, wenn ein Volk stark und voll ist, teilt es sich. Die alte Königin zieht mit etwa der Hälfte aller Bienen aus und bildet einen Schwarm — diese beeindruckende, summende Traube, die sich erst an einem Ast sammelt und dann in eine neue Behausung zieht. Zurück bleibt der andere Teil des Volkes mit einer jungen Königin. Aus einem Bien sind zwei geworden. Das ist keine Panne, das ist die natürliche Vermehrung des Superorganismus — im Grunde eine Zellteilung im Großen. Für den Imker ist das ein zwiespältiger Moment: Ein Naturschauspiel auf der einen Seite, aber eben auch der Verlust der halben Belegschaft und damit des Honigs. Deshalb ist das Schwärmen eines der größten Streitthemen unter Imkern überhaupt — verhindern oder zulassen? Aber das ist eine ganze eigene Folge wert, die kommt noch.

EIN WESEN, DAS NIE STIRBT

Die Bienen sterben — der Bien lebt weiter.

  • Sommerbiene: lebt nur ~6 Wochen.
  • Winterbiene: lebt bis zu ~6 Monate.
  • Die Königin lebt mehrere Jahre.
  • Das Volk als Ganzes kann viele Jahre bestehen — ein überjähriges Wesen.

Zum Schluss noch ein Gedanke, der den Bien endgültig zu etwas Besonderem macht. Die einzelnen Bienen leben nur kurz. Eine Sommerbiene, die sich in der Hochsaison regelrecht zu Tode arbeitet, lebt gerade einmal sechs Wochen. Die Bienen, die im Herbst schlüpfen, die sogenannten Winterbienen, halten dagegen bis zu sechs Monate durch, weil sie einen besonderen Vorrat in ihrem Körper anlegen, den Fettkörper, und über den Winter kaum arbeiten. Die Königin wiederum lebt mehrere Jahre. Aber das Volk als Ganzes, der Bien, der kann viele Jahre am Stück bestehen. Die einzelnen Zellen — die Bienen — werden ständig ausgetauscht, geboren und sterben, während der Organismus selbst weiterlebt. Genau wie bei uns: Die Zellen unseres Körpers erneuern sich fortwährend, und trotzdem bleiben wir wir. Der Bien ist also ein Lebewesen, das seine Bausteine laufend erneuert und dadurch fast unsterblich wird — solange der Imker und die Natur ihm gut mitspielen.

Ein Volk. Ein Wesen. Der Bien.

Ob ein Bienenvolk nun wirklich ein einziges Lebewesen ist oder nur fast — eines ist sicher: Wenn du das nächste Mal in eine Beute schaust, wirst du das Gewimmel mit anderen Augen sehen. Nicht Tausende einzelne Insekten, sondern einen einzigen, klugen Organismus, der atmet, sich wärmt, gemeinsam entscheidet und sich fortpflanzt. Den Bien. In der nächsten Folge schauen wir uns die Bewohner dieses Organismus genauer an: die Königin, die Arbeiterinnen und die Drohnen. Wer macht eigentlich was? Und stimmt es, dass die Männchen im Herbst gnadenlos rausgeworfen werden? Wenn dir die Folge gefallen hat, lass ein Abo da und schreib uns in die Kommentare, ob du das Volk eher als ein Wesen siehst — wie Yuki — oder eher als Herde, wie Bert. Bis dahin: Bleib neugierig.

➜ Als Nächstes: Königin, Arbeiterin, Drohn — wer macht eigentlich was?

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