Königin, Arbeiterin, Drohn — wer macht was?
Königin, Arbeiterin, Drohn
Willkommen zurück bei Martina. Letztes Mal haben wir gelernt: Ein Bienenvolk ist wie ein einziger Organismus, der Bien. Heute schauen wir uns seine Bewohner an. Und das Spannende ist: In einem einzigen Volk leben drei völlig verschiedene Arten von Bienen zusammen. Da ist die Königin — genau eine, die Mutter des ganzen Volkes. Da sind die Arbeiterinnen — Zehntausende, die praktisch alles erledigen. Und da sind die Drohnen — die Männchen, ein paar hundert im Sommer. Drei Wesen, so verschieden, dass man kaum glaubt, dass sie zur selben Art gehören. Sie sehen anders aus, leben unterschiedlich lang und haben völlig verschiedene Aufgaben. In dieser Folge klären wir, wer im Bienenstaat eigentlich was macht, wer wie lange lebt — und warum die Männchen am Ende des Sommers ein ziemlich hartes Schicksal ereilt. Fangen wir oben an, bei der Chefin, die eigentlich gar keine Chefin ist.
Bis zu 2000 Eier am Tag — mehr als ihr eigenes Körpergewicht.
- Das einzige voll fruchtbare Weibchen im Volk.
- Legt in der Hochsaison bis zu 2000 Eier pro Tag.
- Lebt mehrere Jahre — viel länger als jede Arbeiterin.
- Hält das Volk mit ihrem Duft (Pheromonen) zusammen.
Die Königin ist das Herz des Volkes. Sie ist das einzige voll fruchtbare Weibchen, und ihre Hauptaufgabe ist eine einzige, aber gewaltige: Eier legen. Und zwar in unvorstellbarer Zahl. In der Hochsaison im Frühsommer legt eine gute Königin bis zu zweitausend Eier — am Tag. Wenn man das zusammenrechnet, legt sie täglich mehr als ihr eigenes Körpergewicht. Sie läuft dabei über die Waben und setzt in jede saubere Zelle ein einziges Ei. Ihre Hofstaat-Bienen füttern und pflegen sie dabei ununterbrochen. Aber die Königin ist trotz ihres Namens keine Herrscherin. Sie gibt keine Befehle. Ihre zweite, heimliche Aufgabe ist eine chemische: Sie verströmt ständig einen besonderen Duft, sogenannte Pheromone, die sich über das ganze Volk verteilen. Dieser Duft signalisiert allen: Uns geht es gut, die Königin ist da. Fehlt dieser Duft plötzlich, weil die Königin gestorben ist, gerät das Volk in Aufruhr und zieht sich sofort eine neue heran. Eine Königin kann mehrere Jahre alt werden — für eine Biene ein biblisches Alter.

Zehntausende Schwestern — sie machen einfach alles.
- Alles Weibchen, aber unfruchtbar.
- Putzen, füttern, bauen, heizen, wachen, sammeln.
- Sie treffen faktisch alle Entscheidungen im Volk.
- Ihr Stachel kostet sie das Leben — sie stechen nur zur Verteidigung.
Die eigentlichen Macher im Volk sind die Arbeiterinnen. Sie sind das, was wir meinen, wenn wir Biene sagen. Sie sind allesamt Weibchen, aber im Gegensatz zur Königin unfruchtbar — sie legen normalerweise keine Eier. Dafür erledigen sie buchstäblich alles andere: Sie putzen die Zellen, füttern die Larven, bauen die Waben aus Wachs, heizen und kühlen das Nest, bewachen das Flugloch und fliegen zum Schluss ihres Lebens hinaus, um Nektar, Pollen, Wasser und Harz zu sammeln. Und weil sie es sind, die den Zustand des Volkes am besten kennen, treffen faktisch sie alle wichtigen Entscheidungen — nicht die Königin. Sie entscheiden, wann gebaut wird, wann geschwärmt wird, wann eine neue Königin gezogen wird. Und ihr berühmter Stachel? Den setzen sie nur zur Verteidigung ein, denn er kostet sie das Leben: Der Widerhaken bleibt in der Haut stecken, und die Biene stirbt. Eine Arbeiterin sticht also nie leichtfertig — sie opfert sich für ihr Volk.

Ein Blick auf die fleißigste Arbeiterin von allen, die Sammlerin, lohnt sich besonders. Wenn du im Sommer an einem Flugloch stehst, siehst du Bienen zurückkommen, die an ihren Hinterbeinen dicke, bunte Klümpchen tragen — orange, gelb, manchmal fast rot. Das sind die berühmten Pollenhöschen. An den Hinterbeinen haben die Bienen nämlich kleine Körbchen aus feinen Haaren, in die sie den gesammelten Blütenpollen hineinpressen und nach Hause transportieren. Pollen ist das Eiweiß des Volkes, das wichtigste Futter für die heranwachsende Brut. Neben dem Pollen sammelt die Biene auch Nektar — den saugt sie mit ihrem Rüssel aus den Blüten und trägt ihn in einer eigenen Honigblase im Körper heim. Aus diesem Nektar wird später der Honig. Und an einem einzigen Tag fliegt so eine Sammlerin hunderte Blüten an und legt dabei viele Kilometer zurück. Rechnet man alle Flüge eines Volkes für ein einziges Glas Honig zusammen, kommen die Bienen auf eine Strecke, die mehrmals um die ganze Erde reicht. Für ein Glas Honig. Wenn du das nächste Mal einen Löffel isst, denk mal an diese Leistung.
Eine Waffe, die das Leben kostet.
- Nur die Weibchen haben einen Stachel — Drohnen nicht.
- Der Stachel hat einen Widerhaken.
- Er bleibt in der Haut stecken und reißt aus der Biene.
- Die Biene stirbt danach — sie sticht nur zur Verteidigung.
Noch ein Wort zu der berühmtesten und meistgefürchteten Eigenschaft der Biene: dem Stachel. Zuerst zur Beruhigung — nur die Weibchen haben einen, also Königin und Arbeiterinnen. Die dicken Drohnen sind völlig harmlos, du kannst sie bedenkenlos in die Hand nehmen. Das Besondere am Stachel der Arbeiterin ist sein Widerhaken. Sticht sie in etwas Elastisches wie unsere Haut, bleibt der Stachel mit dem Widerhaken darin stecken. Fliegt die Biene weg, reißt der ganze Stachelapparat aus ihrem Hinterleib heraus — und daran stirbt sie kurz darauf. Ein Bienenstich kostet die Biene also das Leben. Und genau deshalb sticht eine Honigbiene niemals einfach so, aus Bosheit oder zum Spaß. Sie tut es nur in höchster Not, um sich oder ihr Volk zu verteidigen. Wenn du also ruhig und bedacht an einem Volk arbeitest, mit etwas Rauch aus dem Smoker, dann hast du kaum etwas zu befürchten. Die Bienen wollen dich gar nicht stechen — es wäre ihr eigenes Todesurteil. Respekt statt Angst, das ist die richtige Haltung.

Schauen wir uns die Größenverhältnisse einmal an, denn die sind beeindruckend. Ein starkes Volk besteht im Hochsommer aus bis zu fünfzigtausend Arbeiterinnen. Dazu kommt genau eine Königin — nur eine einzige. Und dann noch ein paar hundert bis vielleicht tausend Drohnen, die Männchen, aber auch nur in der warmen Jahreszeit. Fünfzigtausend Arbeiterinnen, eine Königin, ein paar hundert Männchen. Dieses gewaltige Volk schrumpft zum Winter hin allerdings stark zusammen. Dann sind es nur noch vielleicht zehn- bis zwanzigtausend Winterbienen, die als warme Traube zusammenrücken und auf das Frühjahr warten. Die Männchen sind zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr dabei — und warum das so ist, das ist eine der erstaunlichsten und ein bisschen grausamen Geschichten im Bienenvolk. Dazu kommen wir gleich. Erst aber die Frage: Warum leben manche Bienen nur Wochen und andere Monate?
6 Wochen — oder 6 Monate.
- Sommerbiene: ~6 Wochen. Sie arbeitet sich regelrecht zu Tode.
- Winterbiene: bis ~6 Monate. Sie spart Kräfte für den Frühling.
- Der Unterschied: der Fettkörper, ein Vorrat im Körper.
- So überbrückt das Volk den langen, blütenlosen Winter.
Wie lange eine Biene lebt, hängt erstaunlicherweise davon ab, wann sie geboren wird. Eine Arbeiterin, die im Frühling oder Sommer schlüpft, lebt nur etwa sechs Wochen. Der Grund ist einfach: Sie arbeitet sich regelrecht zu Tode. In der Hochsaison fliegt eine Sammlerin unermüdlich aus, ihre Flügel nutzen sich ab, ihr Körper verschleißt — nach ein paar Wochen ist sie einfach verbraucht. Ganz anders die Bienen, die im Spätsommer und Herbst schlüpfen. Diese Winterbienen können bis zu sechs Monate leben, also das Zehnfache. Wie schaffen sie das? Sie legen in ihrem Körper einen besonderen Nährstoffvorrat an, den sogenannten Fettkörper, und sie arbeiten über den Winter kaum. Statt sich zu verausgaben, sitzen sie geduldig in der warmen Traube und sparen ihre Kräfte. Und genau diese Winterbienen sind es, die das Volk durch die kalte, blütenlose Jahreszeit tragen, bis im Frühjahr die erste neue Generation schlüpft. Deshalb ist es für den Imker so entscheidend, dass gerade diese Winterbienen gesund heranwachsen — aber auch das ist eine eigene Folge wert.
„Keine Zentrale — und trotzdem perfekt organisiert.“
„Jede Biene ist ein winziges Rädchen. Erst zusammen ergeben sie etwas unfassbar Kluges.“
Für Doktor Kessler ist genau diese Rollenverteilung das eigentliche Wunder. Denn bedenke: Da gibt es keine Zentrale, keinen Bauplan, kein Bienen-Büro, das die Arbeit verteilt. Und trotzdem ist alles perfekt organisiert. Die richtige Zahl an Ammen kümmert sich um die richtige Menge Brut, genug Baubienen ziehen Waben, genug Sammlerinnen holen Nahrung, und das alles passt sich Tag für Tag an das an, was das Volk gerade braucht. Kessler sagt: Jede einzelne Biene ist wie ein winziges Rädchen, das nur eine simple Regel befolgt. Aber Zehntausende dieser simplen Rädchen ergeben zusammen etwas unfassbar Kluges — ein Volk, das rechnen kann, ohne dass eine einzige Biene rechnet. Wissenschaftler nennen das emergentes Verhalten: Aus vielen einfachen Teilen entsteht etwas Komplexes, das keines der Teile allein könnte. Für Kessler ist das der Grund, warum sie nie aufhört, in Völker zu schauen. Man versteht es und staunt doch jedes Mal aufs Neue.
Die Männchen: kein Stachel, keine Arbeit, ein Job.
- Männchen — größer, dicker, mit riesigen Augen.
- Sie sammeln nicht, bauen nicht, haben keinen Stachel.
- Ihre einzige Aufgabe: eine junge Königin begatten.
- Dafür patrouillieren sie an warmen Tagen hoch in der Luft.
Kommen wir zu den Drohnen, den Männchen des Volkes. Und die sind, ehrlich gesagt, ein Sonderfall. Du erkennst sie leicht: Sie sind größer und plumper als die Arbeiterinnen, haben einen dicken Hinterleib und riesige Augen, die fast den ganzen Kopf einnehmen. Und sie brummen deutlich lauter. Was die Drohnen NICHT tun, ist bemerkenswert: Sie sammeln keinen Nektar, sie bauen keine Waben, sie füttern keine Brut, sie verteidigen das Volk nicht — sie haben nämlich nicht einmal einen Stachel. Man könnte meinen, sie seien einfach nur faule Kostgänger. Aber sie haben eine einzige, entscheidende Aufgabe: eine junge Königin zu begatten. Dafür fliegen die Drohnen an warmen Nachmittagen aus und patrouillieren an bestimmten Sammelpunkten hoch oben in der Luft, den sogenannten Drohnensammelplätzen, und warten auf eine Königin auf ihrem Hochzeitsflug. Für diese eine Aufgabe hält sich das Volk ein paar hundert von ihnen. Doch dieser gemütliche Sommer hat ein jähes Ende.

Wenn der Sommer zu Ende geht, die Tracht versiegt und keine jungen Königinnen mehr zu erwarten sind, dann werden die Drohnen für das Volk plötzlich überflüssig. Sie fressen nur noch wertvolle Vorräte, ohne einen Nutzen zu bringen. Und dann passiert etwas, das ziemlich hart klingt: die Drohnenschlacht. Die Arbeiterinnen hören auf, die Männchen zu füttern. Sie drängen sie von den Waben, zerren sie zum Flugloch und werfen sie einfach hinaus. Draußen, ohne Versorgung und unfähig, sich selbst zu ernähren, sterben die Drohnen. Für uns Menschen klingt das grausam. Aber aus Sicht des Superorganismus ist es einfach nur konsequent: Das Volk kann es sich nicht leisten, über den langen Winter hunderte nutzlose Esser durchzufüttern. Es opfert die Männchen, um selbst zu überleben. Im nächsten Frühjahr, wenn wieder Königinnen begattet werden müssen, zieht das Volk einfach neue Drohnen heran. Die Natur ist hier ohne jede Sentimentalität — und trotzdem hat alles seinen tiefen Sinn.
Wer macht was im Bienenstaat?
- Königin: legt bis 2000 Eier/Tag, lebt Jahre
- Königin: hält das Volk per Duft zusammen
- Arbeiterin: putzt, füttert, baut, wacht, sammelt
- Arbeiterin: lebt 6 Wochen (Sommer) bis 6 Monate (Winter)
- Männchen: ein Job — Königin begatten
- kein Stachel, keine Arbeit, große Augen
- im Herbst: die Drohnenschlacht
- im Frühjahr zieht das Volk neue heran
Fassen wir zusammen. Die Königin ist die Mutter des Volkes: Sie legt bis zu zweitausend Eier am Tag, lebt mehrere Jahre und hält mit ihrem Duft alles zusammen — aber sie herrscht nicht. Die Arbeiterinnen sind das Rückgrat: zehntausende unfruchtbare Weibchen, die putzen, füttern, bauen, wachen und sammeln, und die in Wahrheit alle Entscheidungen treffen. Sie leben im Sommer nur sechs Wochen, als Winterbienen bis zu sechs Monate. Und die Drohnen sind die Männchen mit dem einen Job: eine Königin begatten. Dafür verzichtet das Volk auf jede andere Arbeitskraft von ihnen — und wirft sie im Herbst gnadenlos hinaus. Drei völlig verschiedene Wesen, und doch ergeben sie zusammen erst den einen Organismus, den Bien. Jedes hat seinen Platz, jedes seine Aufgabe, und keines könnte ohne die anderen bestehen.
Drei Wesen, ein Volk.
Jetzt kennst du die drei Bewohner des Bien: die eierlegende Königin, die fleißigen Arbeiterinnen und die Drohnen mit ihrer einen Aufgabe. Aber eine Frage haben wir bisher offengelassen, und sie ist vielleicht die erstaunlichste von allen: Wie wird eine Biene eigentlich zur Königin? Denn Königin und Arbeiterin sind beide Weibchen — und trotzdem wird die eine zur eierlegenden Herrscherin, die andere zur kurzlebigen Arbeiterin. Was entscheidet das? Die Antwort in der nächsten Folge wird dich überraschen: Jede einzelne Made könnte theoretisch eine Königin werden. Es liegt nur an einer einzigen Sache. Wenn dir das gefällt, abonnier den Kanal und schreib uns: Findest du die Drohnenschlacht grausam — oder einfach nur konsequent? Bis dahin: Bleib neugierig.
➜ Als Nächstes: Wie entsteht eine Königin? Das Wunder im Bienenei.