Martinas Imkereiwissen
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Folge 6 · 10 Imker, 10 Meinungen

Wachs, Waben & Beespace — die Architektur des Volkes

Folge 6Premiere am 9. August 2026, 16:00 Uhr
DIE ARCHITEKTUR

Wachs, Waben und ein Millimeter

Willkommen zurück. Letzte Folge haben wir gelernt, eine Brutwabe zu lesen. Heute schauen wir uns die Wabe selbst an — und die ist ein kleines Wunderwerk der Baukunst. Denn die Bienen bauen ihr komplettes Zuhause selbst, aus einem Material, das sie in ihrem eigenen Körper herstellen: aus Wachs. In dieser Folge klären wir vier Dinge. Erstens: Woher kommt dieses Wachs eigentlich, und warum ist es so kostbar? Zweitens: Warum bauen Bienen ausgerechnet Sechsecke, und nicht Kreise oder Quadrate? Drittens: Was ist der geheimnisvolle Beespace — ein Abstand von nur wenigen Millimetern, den man zu Recht die wichtigste Entdeckung der ganzen Imkereigeschichte nennt, denn ohne ihn gäbe es die moderne Imkerei gar nicht. Und viertens streiten unsere Imker über eine echte Grundsatzfrage: Soll man den Bienen fertige Wachsplatten vorgeben, oder sie ihre Waben ganz frei selbst bauen lassen? Mittelwand gegen Naturwabenbau — da prallen zwei Welten aufeinander. Fangen wir beim Rohstoff an: beim Wachs.

WOHER DAS WACHS KOMMT
Junge Bienen schwitzen Wachs aus Drüsen am Bauch.

Das Erstaunlichste zuerst: Bienen bekommen ihr Baumaterial nicht von außen, sie stellen es selbst her, in ihrem eigenen Körper. Die jungen Arbeiterinnen, ungefähr im Alter von zwölf bis achtzehn Tagen, haben an der Unterseite ihres Hinterleibs besondere Wachsdrüsen. Und aus denen schwitzen sie regelrecht winzige, durchsichtige Wachsplättchen aus, dünn wie Papier und kaum größer als ein Stecknadelkopf. Diese Plättchen nehmen sie mit den Beinen nach vorn, kneten und kauen sie mit den Mundwerkzeugen weich und formen daraus die Wände ihrer Zellen. Und jetzt kommt der Punkt, der jeden Imker demütig macht: Wachs zu erzeugen kostet die Bienen unglaublich viel Energie. Für ein einziges Kilogramm Wachs müssen sie ungefähr sechs Kilogramm Honig verbrauchen. Deshalb ist Wachs für ein Volk ein richtiger Schatz, den es nicht leichtfertig verschwendet. Frisch geschwitztes Wachs ist übrigens strahlend weiß; erst durch die Brut und mit dem Alter wird es gelb, dann braun und schließlich fast schwarz. An der Wabenfarbe kannst du also grob ablesen, wie oft in ihr schon Brut aufgezogen wurde.

WARUM SECHSECKE?

Die sparsamste Bauform, die es gibt.

  • Sechsecke lassen keine Lücke — Kreise schon.
  • Sie brauchen am wenigsten Wachs für den meisten Platz.
  • Leicht nach oben geneigt, damit kein Honig herausläuft.
  • Gebaut im Dunkeln, ganz ohne Bauplan.

Warum bauen Bienen nun ausgerechnet Sechsecke? Die Antwort ist reine Mathematik — und ziemlich genial. Stell dir vor, du willst eine Fläche lückenlos mit lauter gleichen Zellen füllen und dabei möglichst wenig Baumaterial verbrauchen. Kreise fallen aus, denn zwischen runden Zellen bleiben immer Lücken. Es funktionieren nur drei Formen ganz ohne Zwischenraum: das Dreieck, das Quadrat und das Sechseck. Und von diesen dreien braucht das Sechseck mit Abstand am wenigsten Wandmaterial, um den meisten Platz einzuschließen. Die Bienen haben also, ganz ohne Rechnen, die sparsamste Bauform des Universums gefunden — jedes eingesparte Gramm Wachs sind ja sechs Gramm Honig. Und es steckt noch mehr Feinheit darin: Die Zellen stehen nicht waagerecht, sondern sind ein paar Grad nach oben geneigt. So läuft der flüssige Honig nicht heraus, bevor die Bienen die Zelle verdeckeln. Und das vielleicht Verrückteste: Die Bienen bauen dieses ganze Präzisionswerk im völligen Dunkeln der Beute, ohne Architekt und ohne Bauplan. Jede Biene fügt einfach ihr Stückchen an — und am Ende passt alles perfekt zusammen.

NICHT JEDE ZELLE IST GLEICH

Die Bienen bauen ihre Größen selbst.

  • Arbeiterinnenzellen: klein, rund 5,4 Millimeter.
  • Drohnenzellen: deutlich größer, rund 6,5 Millimeter.
  • Über die Zellgröße steuert das Volk, wie viele Drohnen es zieht.
  • Honigzellen ziehen sie später einfach länger.

Wenn man genauer hinschaut, merkt man: Nicht alle Zellen einer Wabe sind gleich groß, und das hat einen Sinn. Die normalen Arbeiterinnenzellen sind klein, ungefähr fünf Komma vier Millimeter im Durchmesser. Die Drohnenzellen dagegen, in denen die dicken Männchen heranwachsen, sind deutlich größer, etwa sechs Komma fünf Millimeter. Diesen Unterschied bauen die Bienen ganz bewusst. Denn über die Zellgröße steuert das Volk, wie viele Drohnen es überhaupt heranzieht — es baut im Frühling mehr große Drohnenzellen, wenn es sich fortpflanzen will, und im Herbst kaum noch welche. Das Volk plant seine Bevölkerung also über seine Architektur. Und für den Honig? Da ziehen die Bienen die Zellen im Honigraum später einfach in die Länge, sie machen sie tiefer, um mehr Vorrat unterzubringen. Diese Fähigkeit, die Zellgröße selbst zu bestimmen, ist übrigens genau der Kern des großen Streits, zu dem wir gleich kommen — denn nicht jeder Imker lässt den Bienen diese Freiheit.

DIE WICHTIGSTE ENTDECKUNG
Bienen halten überall einen Laufweg von rund 6–9 mm frei.

Jetzt kommt die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieser ganzen Folge, und sie klingt zunächst unspektakulär: Es geht um einen Abstand von wenigen Millimetern. Bienen halten in ihrer Behausung überall dort, wo sie laufen müssen, einen ganz bestimmten Zwischenraum frei — ungefähr sechs bis neun Millimeter. Man nennt ihn den Beespace, den Bienenabstand. Und dieser Abstand ist heilig für sie. Ist eine Lücke größer als der Beespace, empfinden die Bienen sie als überflüssigen Raum und bauen ihn mit Wildwaben zu. Ist eine Lücke kleiner, ist sie ihnen im Weg, und sie verkitten sie mit Propolis, dem Bienenharz. Nur wenn ein Zwischenraum genau diese sechs bis neun Millimeter misst, lassen sie ihn frei als Laufweg. Warum ist das die wichtigste Entdeckung der Imkereigeschichte? Weil ein Mann namens Lorenzo Langstroth um achtzehnhunderteinundfünfzig genau das erkannt hat. Er baute seine Rähmchen mit exakt einem Beespace Abstand ringsherum — und plötzlich klebten die Bienen die Waben nicht mehr fest. Zum ersten Mal konnte man einzelne Rähmchen einfach herausheben, ohne alles zu zerstören. Die ganze moderne Imkerei mit ihren beweglichen Waben beruht auf diesem einen simplen Maß. Ohne den Beespace gäbe es unsere Beuten nicht.

STREITFRAGE · DIE EINE SEITE

„Mit Mittelwand bauen sie schnurgerade.“

Opa HeinrichTraditionalist
„Eine Mittelwand ist eine dünne Wachsplatte mit vorgeprägten Sechsecken. Die Bienen bauen sie schnell und schnurgerade aus.“
BertErwerbsimker
„Gerade Waben, saubere Arbeiterzellen, kein Wildbau. Das spart mir Zeit und Nerven — und Wachs ist teuer.“

Und da ist er, der große Streit. Die meisten Imker, gerade die praktisch orientierten wie Opa Heinrich und Berufsimker Bert, arbeiten mit sogenannten Mittelwänden. Eine Mittelwand ist eine dünne Platte aus reinem Bienenwachs, in die schon das Sechseckmuster eingeprägt ist. Man spannt sie in ein leeres Rähmchen, und die Bienen bauen auf dieser Vorlage ihre Zellen aus — schnell, schnurgerade und ordentlich. Für Opa hat das nur Vorteile: Die Waben werden perfekt gerade, sie passen sauber in die Beute, es gibt keinen wilden Bau kreuz und quer, und die Bienen bauen fast nur die kleinen Arbeiterinnenzellen, weil das Muster es so vorgibt. Bert, der vom Honig lebt, rechnet noch nüchterner: Die Bienen sparen sich einen guten Teil der teuren Wachsarbeit und stecken die Energie stattdessen in Honig und Brut. Weniger Wildbau heißt für ihn weniger Arbeit und weniger Ärger bei der Durchsicht. Für die beiden ist die Mittelwand einfach ein bewährtes, praktisches Werkzeug, das seit über hundert Jahren funktioniert. Und da ist etwas dran.

STREITFRAGE · DIE ANDERE SEITE

„Lass sie selbst bauen — ganz ohne Vorlage.“

YukiNaturimkerin
„Im Naturwabenbau bestimmen die Bienen ihre Zellgrößen selbst. Eigenes Wachs, kein Fremdwachs, keine Rückstände.“

Yuki, die Naturimkerin, hält mit voller Überzeugung dagegen. Sie macht Naturwabenbau — das heißt, sie gibt den Bienen gar keine Mittelwand vor, sondern nur einen leeren Rahmen mit einer kleinen Anbauleiste, und lässt sie von dort aus völlig frei bauen. Ihre Argumente sind ernstzunehmen. Erstens: Die Bienen bestimmen so ihre Zellgrößen selbst, ganz nach ihrem eigenen Bedürfnis, statt einem vorgeprägten Einheitsmaß zu folgen. Zweitens, und das ist ihr wichtigstes Argument: Es kommt kein fremdes Wachs ins Volk. Gekaufte Mittelwände werden nämlich aus eingeschmolzenem Wachs vieler verschiedener Imkereien hergestellt, und darin können sich mit der Zeit Rückstände von Behandlungsmitteln ansammeln. Beim Naturwabenbau bleibt der Wachskreislauf des Volkes sauber und geschlossen — nur das eigene, frische Wachs der eigenen Bienen. Für Yuki ist das eine Frage des Respekts vor dem Wesen der Biene: Bauen ist eine ihrer natürlichsten Tätigkeiten, und die will sie ihr nicht aus der Hand nehmen. Der Preis dafür: Naturwaben werden oft etwas welliger und sind, frisch gebaut, zerbrechlicher — man muss vorsichtiger mit ihnen umgehen.

FREI GEBAUT
Naturwaben werden wellig und organisch — jede ein Unikat.

So sieht eine echte Naturwabe aus: Sie ist nicht schnurgerade wie auf der Mittelwand, sondern schwingt in sanften, organischen Wellen, mal etwas dicker, mal dünner — jede einzelne ist ein Unikat, gebaut nach dem Kopf der Bienen und nicht nach dem Kopf des Imkers. Viele Imker finden das einfach schön, und es hat eben auch den handfesten Vorteil des sauberen, eigenen Wachskreislaufs. Aber es hat seinen Preis, das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Solche frei gebauten Waben sind an warmen Tagen weicher und zerbrechlicher, gerade wenn sie voll Honig sind. Man kann sie nicht so beherzt schleudern und muss beim Hantieren vorsichtiger sein, damit sie nicht ausbrechen. Und die Bienen brauchen mehr Zeit und mehr Honig, um sie ohne Vorlage aufzubauen. Ob dir das den Aufwand wert ist oder nicht, das musst du selbst entscheiden. Martina probiert am Anfang übrigens beides nebeneinander aus — eine Wabe mit Mittelwand, eine im Naturbau — und schaut sich in Ruhe an, was ihr mehr liegt. Ein guter Weg, wenn man sich noch nicht sicher ist.

DER DRITTE BAUSTOFF

Propolis — der Kitt, der alles zusammenhält.

  • Harz von Baumknospen, von den Bienen gesammelt.
  • Verkittet jede Lücke, die kleiner als der Beespace ist.
  • Wirkt keimtötend — hält das Volk gesund.
  • Für dich: klebrig — der Stockmeißel wird dein Freund.

Neben dem Wachs benutzen die Bienen noch einen zweiten, ganz anderen Baustoff, den man leicht übersieht: das Propolis, auch Kittharz genannt. Die Bienen sammeln dafür klebriges Harz von Baumknospen, etwa von Pappeln oder Birken, und tragen es in den Stock. Und damit verkitten sie alles, was ihnen zu eng ist — jede Ritze, jede Fuge, die kleiner ist als der Beespace, wird sorgfältig zugeschmiert. Aber Propolis ist weit mehr als nur Klebstoff. Es wirkt stark keimtötend, gegen Bakterien und Pilze, und überzieht die Innenwände der Beute wie ein schützender Firnis. Damit halten die Bienen ihr dicht gedrängtes Zuhause erstaunlich sauber und gesund — man kann sich das wie eine natürliche Desinfektion vorstellen. Für uns Menschen ist Propolis deshalb sogar ein begehrtes Naturheilmittel. Für dich als frischen Imker heißt Propolis aber vor allem eins: Es klebt ganz fürchterlich. Genau deshalb brauchst du den Stockmeißel, um die verkitteten Rähmchen und Zargen wieder voneinander zu lösen. Du wirst dieses Zeug lieben und verfluchen zugleich — und deine Finger sind nach jeder Durchsicht braun und klebrig.

MITTELWAND ODER NATURBAU?

Zwei Wege, ein Wachs.

Mittelwand
  • Vorgeprägte Wachsplatte
  • Schnell, gerade, planbar
  • Wenig Wildbau, gut schleuderbar
  • Fremdwachs möglich
Naturwabenbau
  • Freier Bau ohne Vorlage
  • Eigene Zellgrößen, eigenes Wachs
  • Sauberer Wachskreislauf
  • Welliger, empfindlicher

Legen wir die beiden Wege zum Schluss noch einmal nebeneinander — ganz ohne Urteil, damit du sie für dich abwägen kannst. Auf der einen Seite die Mittelwand, der Weg von Opa, Bert und der großen Mehrheit der Imker: eine vorgeprägte Wachsplatte als Vorlage. Die Vorteile sind Schnelligkeit, gerade und planbare Waben, wenig Wildbau und gut schleuderbare, stabile Waben. Der mögliche Nachteil ist das eingekaufte Fremdwachs, in dem sich Rückstände sammeln können. Auf der anderen Seite der Naturwabenbau, Yukis Weg und der der naturnahen Schule: freier Bau ganz ohne Vorlage. Die Vorteile sind selbstbestimmte Zellgrößen, der saubere, geschlossene eigene Wachskreislauf und das schöne, natürliche Bauwerk. Der Preis dafür sind welligere, empfindlichere Waben und ein höherer Aufwand für die Bienen. Zwei ehrliche Wege, dasselbe Wachs. Viele Imker mischen am Ende sogar beides — Mittelwände im Honigraum, wo es auf Stabilität ankommt, und Naturbau im Brutraum, wo der saubere Wachskreislauf zählt. Es gibt eben nicht den einen richtigen Weg. Es gibt nur deinen.

Ein Millimeter änderte alles.

Jetzt kennst du die Architektur des Bienenvolkes. Du weißt, dass die Bienen ihr weißes Wachs selbst schwitzen und dass es kostbar ist, du weißt, warum das Sechseck die sparsamste Form der Welt ist, und du kennst den Beespace — diesen winzigen Abstand von wenigen Millimetern, der die ganze moderne Imkerei überhaupt erst möglich gemacht hat. Und du hast den ersten großen Grundsatzstreit erlebt: Mittelwand oder Naturwabenbau. Welchen Weg du gehst, entscheidest du — beide sind ehrlich, beide haben ihren guten Grund. Damit haben wir die Bienen und ihre Waben verstanden. In der nächsten Folge wird es dann richtig praktisch und auch richtig kontrovers, denn wir stellen die vielleicht meistgestellte Anfängerfrage überhaupt: Welche Beute soll ich kaufen? Dadant, Zander, Deutsch-Normal, Langstroth, Einraumbeute — da hat wirklich jeder Imker seine feste Meinung. Wenn dir die Folge gefallen hat, abonnier den Kanal und schreib uns in die Kommentare, ob du eher Team Mittelwand oder Team Naturbau bist. Bis dahin: Bleib neugierig, und imker so, wie es zu dir passt.

➜ Als Nächstes: Als Nächstes: Welche Beute? Der große Vergleich.

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