Martinas Imkereiwissen
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Folge 33 · 10 Imker, 10 Meinungen

Die Varroamilbe — wie der wichtigste Feind der Biene tickt

Folge 33Premiere am 2. September 2026, 16:00 Uhr

Ein Bienenvolk wirkt im Herbst noch voller Leben und ist kurz darauf fast leer. Der sichtbare Schaden beginnt viel früher — bei einer Milbe, die sich in der Brut versteckt und Viren verbreitet.

KENN DEINEN FEIND

Die Varroamilbe — wie sie tickt.

Wir haben viel behandelt — jetzt schauen wir dem Gegner endlich ins Gesicht. Die Varroamilbe ist der wichtigste Feind unserer Bienen. Kessler erklärt, wie dieses winzige Tier lebt — denn wer seinen Feind versteht, bekämpft ihn klüger.

VORWISSEN IN 60 SEKUNDEN

Drei Begriffe zuerst.

  • Phoretische Phase: die Milbe reitet auf erwachsenen Bienen mit.
  • Verdeckelte Brut: nur dort vermehrt sie sich.
  • Winterbienen: die Generation, die ihr Schaden am meisten trifft.

Drei Begriffe vorab. Erstens: die phoretische Phase — so nennt man die Zeit, in der die Milbe außen auf einer erwachsenen Biene mitreitet und sich von ihr ernährt. Zweitens: die verdeckelte Brut — nur dort kann sich die Milbe vermehren. Und drittens die Winterbienen, die Generation, die unter dem Milbenschaden am meisten leidet.

VORWISSEN IN 60 SEKUNDEN

Was heute zählt.

  • Wie viel verdeckelte Brut gerade im Volk ist.
  • In welchem Monat wir sind (die Kurve steigt).
  • Ob schon verkrüppelte Flügel zu sehen sind.

Was für das Verständnis heute zählt. Erstens: wie viel verdeckelte Brut da ist — das ist die Kinderstube der Milbe. Zweitens der Monat, denn die Milbenkurve steigt zum Spätsommer steil an. Und drittens ein sichtbares Alarmzeichen: Bienen mit verkrüppelten Flügeln.

VORWISSEN IN 60 SEKUNDEN

Was offen bleibt.

  • Keine Behandlungsmethoden (die hatten wir).
  • Keine Zählmethode (siehe Gemülldiagnose).
  • Herkunftsgeschichte nur kurz.

Und was diese Folge offen lässt: die Behandlungsmethoden und das Milbenzählen — die haben wir in eigenen Folgen ausführlich behandelt. Und die Herkunftsgeschichte der Milbe streifen wir nur kurz. Heute geht es allein darum, den Gegner selbst zu verstehen.

Schauen wir uns an, wie die Milbe lebt — und warum sie so schwer zu bekämpfen ist. Ihr Leben hat zwei Phasen. In der ersten reitet die erwachsene Milbe außen auf einer Biene mit, klammert sich zwischen ihre Hinterleibsringe und ernährt sich von ihr. Das ist die phoretische Phase, die einzige Zeit, in der wir sie mit Kontaktmitteln überhaupt erreichen. Dann kommt der entscheidende Trick: Kurz bevor die Bienen eine Brutzelle mit einer Larve verdeckeln, lässt sich die Milbe hinein fallen und versteckt sich am Zellboden. Sie wird mit eingedeckelt — und ist damit für uns unsichtbar und unerreichbar. Im Schutz des Wachsdeckels legt sie ihre Eier, und ihre Nachkommen wachsen heran, indem sie an der hilflosen Bienenpuppe saugen. Wenn die junge, geschwächte Biene schließlich schlüpft, kommt mit ihr eine ganze neue Milbenfamilie aus der Zelle. Genau dieses Verstecken in der verdeckelten Brut ist der Grund, warum eine einzige Behandlung nie alle Milben erwischt — und warum der brutfreie Zustand für uns so wertvoll ist.

WARUM DROHNENBRUT?

Sie liebt die Drohnenbrut.

  • Drohnenzellen sind länger verdeckelt als Arbeiterinnenzellen.
  • Mehr Zeit im Deckel = mehr Nachkommen pro Milbe.
  • Deshalb sitzt die Milbe bevorzugt in der Drohnenbrut.
  • Genau das macht den Drohnenbrutschnitt zur Falle.

Ein wichtiges Detail, das viele Behandlungsmethoden erst erklärt: Die Varroamilbe hat eine klare Vorliebe. Sie geht viel lieber in die Drohnenbrut, also die Zellen der Männchen, als in die der Arbeiterinnen. Der Grund ist ganz logisch aus ihrer Sicht: Drohnen brauchen länger, bis sie sich entwickeln, ihre Zellen sind also länger verdeckelt. Und je länger die Milbe ungestört unter dem Deckel sitzt, desto mehr Nachkommen kann sie großziehen. Für die Milbe ist die Drohnenbrut also die beste Kinderstube. Diese Vorliebe ist einerseits schlecht — ein Volk mit viel Drohnenbrut baut auch mehr Milben auf. Andererseits ist genau das unsere Chance: Weil die Milben sich so gezielt in der Drohnenbrut sammeln, kann man sie dort wie in einer Falle fangen. Das ist das ganze Prinzip hinter dem Drohnenbrutschnitt, den wir letzte Folge kennengelernt haben. Man nutzt die Vorliebe der Milbe gegen sie selbst.

DER SCHADEN
So sieht der Gegner wirklich aus — eine Varroamilbe.
Die übertragenen Viren können Flügel verformen.

Warum ist ausgerechnet dieses winzige Tier so gefährlich? Die Milbe saugt ja sozusagen nur ein wenig an den Bienen. Der eigentliche Schaden entsteht durch etwas anderes: Beim Saugen überträgt die Milbe Viren von Biene zu Biene, so wie eine schmutzige Nadel Krankheiten überträgt. Das wichtigste davon ist das Flügeldeformationsvirus. Bienen, die als Puppe von Milben befallen und infiziert wurden, schluepfen mit verkrümmten, verkürzten Flügeln — sie können nie fliegen und sterben bald. Wenn du im Spätsommer solche Bienen mit kleinen Stummelflügeln am Flugloch herumkrabbeln siehst, ist das ein ernstes Alarmzeichen: Der Milbenbefall ist schon hoch. Und der Schaden geht tiefer, als man sieht: Auch Bienen, die noch normal aussehen, sind durch die Viren und den Verlust an Körpersubstanz geschwächt, leben kürzer und sind anfälliger. Nicht die Milbe allein, sondern die Viren, die sie verbreitet, bringen am Ende ganze Völker um.

DIE EXPLOSION

Aus 100 werden über 10.000.

  • Die Milbenzahl verdoppelt bis verdreifacht sich pro Monat.
  • Aus ~100 Milben im März werden bis Oktober über 10.000.
  • Kritisch ist der Spätsommer — wenn die Winterbienen entstehen.
  • Deshalb ist Warten die gefährlichste Entscheidung.

Und jetzt kommt die Zahl, die alles erklärt — und die begründet, warum wir so früh und so konsequent behandeln. Die Milbenpopulation in einem Volk wächst nicht gleichmäßig, sondern explosionsartig: Sie verdoppelt bis verdreifacht sich ungefähr von Monat zu Monat, weil ja mit jeder befallenen Brutzelle mehrere neue Milben herauskommen. Rechnet man das durch, wird aus einer Handvoll Milben im Frühjahr — sagen wir hundert im März — bis in den Oktober hinein eine Lawine von deutlich über zehntausend. Und das Tückische: Dieser steilste Teil der Kurve fällt genau in den Spätsommer, also in die Zeit, in der das Volk seine wertvollen Winterbienen heranzieht. Deshalb ist bei der Varroa das Zuwarten die mit Abstand gefährlichste Entscheidung: Was im Juli noch harmlos aussieht, ist im Herbst nicht mehr einzufangen. Wer den steilen Anstieg der Kurve verstanden hat, versteht auch, warum alle Imker-Schulen bei einem einig sind: rechtzeitig handeln.

DAS STILLE STERBEN

Ein fast leeres Volk — kaum tote Bienen.

Opa HeinrichTraditionalist
„Das typische Bild: ein Volk, das im Herbst noch flog, ist plötzlich fast leer — und unten liegt kaum ein toter. Die kranken Bienen verlassen den Stock und sterben draußen.“
Dr. KesslerWissenschaft
„Genau deshalb sieht man den Zusammenbruch oft erst, wenn es zu spät ist. Zählen und rechtzeitig behandeln ist der einzige Schutz.“

Zum Schluss das Bild, an dem erfahrene Imker einen schweren Varroaschaden erkennen — und es ist ein trügerisches. Opa beschreibt ein Volk, das im Herbst noch munter geflogen ist und auf einmal fast leer ist. Nur noch eine Handvoll Bienen und die Königin sitzen da. Und das Verwirrende: Am Boden liegt kaum ein totes Tier — man findet gar keinen Berg toter Bienen, wie man erwarten wuerde. Die kranken, von Viren geschwächten Bienen verlassen den Stock und sterben draußen in der Landschaft, weit weg vom Volk. Deshalb, sagt Kessler, sieht man den Zusammenbruch oft erst, wenn er praktisch schon passiert ist. Man kann sich nicht auf den Augenschein verlassen. Der verlässliche Schutz ist, den Feind zu kennen, den Befall zu messen und rechtzeitig zu handeln — und genau darum ging es in diesem Varroa-Kapitel.

Kenn deinen Feind.

Jetzt kennst du die Varroamilbe: wie sie sich versteckt in der verdeckelten Brut vermehrt, warum sie die Drohnenbrut liebt, wie sie durch Viren erst richtig gefährlich wird, und warum ihre Zahl im Spätsommer explodiert. Und du kennst das trügerische Schadbild, das leere Volk ohne tote Bienen. Mit diesem Wissen verstehst du auch alle Behandlungen viel besser — warum die Ameisensäure in die Brut wirken muss, warum die Oxalsäure nur brutfrei taugt, warum das brutfreie Fenster so wertvoll ist. Martina hat vor der Varroa jetzt keine Angst mehr, sondern Respekt und einen Plan. Damit schließen wir das große Varroa-Kapitel ab. Als Nächstes wird es wieder freundlicher: Es geht um den Lohn der ganzen Arbeit — um den Honig und alles, was dazugehört. Wenn dir das hilft, abonnier den Kanal und lass ein Like da. Bis dahin: Bleib neugierig, und imker so, wie es zu dir passt.

➜ Als Nächstes: Damit schließt sich das Varroa-Kapitel — weiter geht es mit Honig und dem Drumherum.

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